Büdingen stand schon lange und ganz oben auf der Liste der Ziele unserer Ausfahrten oder Exkursionen. Die Stadt Büdingen, der 16 Stadtteile zugeordnet sind, hat etwa 23.000 Einwohner, liegt im südöstlichen Wetteraukreis und grenzt an Wächtersbach im Main-Kinzig-Tal.

Anfahrt individuell im eigenen Auto. Treffpunkt ist der Marktbrunnen mit „Löwe“ und „Wappen“ auf dem Marktplatz [18.Jahrhundert] in der Altstadt. In dieser von Fachwerkhäusern geprägten Umgebung atmet heute noch die Geschichte des Mittelalters mit seiner damals erforderlichen Wehrhaftigkeit - Erinnerungen an eine exzessive Vergangenheit keimen auf.

Bild 3Fast unmittelbar stößt unser Stadtführer zu uns und der 90minütige Rundgang beginnt. Erste Erklärung bei einem Modell - es steht vor dem Steingebäude des Stadtwirtshauses „ Zum Schwan“ und zeigt in der Draufsicht die Stadt Büdingen mit der Darstellung der Altstadt, der Neustadt und der Vorstadt. Interessanterweise ist eine Tafel in Blindenschrift angebracht und auch einzelne Baulichkeiten werden auf den Dächern in Blindenschrift erklärt.

Unser Stadtführer macht auf rötlich in den Straßen eingelegte Gehwegplatten aufmerksam. Diese markieren Stellen, es gibt einige davon in der Altstadt, an denen früher besondere Baulichkeiten standen. Das Areal war auch anfangs durchweg von dem Bach Seemen durchströmt und sumpfig. Da man diesen landschaftlichen Zustand verändern wollte, wurde der Seemen um die Altstadt umgeleitet. Die baulichen Erweiterungen wurden Neustadt und Vorstadt genannt.

Was hat es auf sich mit dem überdachten Keilerkopf an der Außenseite des Steinernen Hauses, der Stadtresidenz des Grafen Johann zu Isenburg um 1500 n. Chr? Der Sage nach sinngemäß: Die Frau des Oberjägermeisters träumte, dass ihr Mann von der nächsten Jagd nicht mehr lebend zurück kommen würde. Sie bat ihren Mann inständig, gar knieend, nicht an der Jagd teilzunehmen, doch er lehnte ab. Aber sie gab nicht nach, ließ nicht locker, sodass der Oberjägermeister dann letztendlich auf die Teilnahme an der Jagd verzichtete. Als die Jagd beendet war und es zum Ablaufen der traditionellen Streckenlegung kam, bei der auch der Oberjägermeister mitlief, sah er am Ende der Strecke des erlegten Wildes einen Keiler von beeindruckender Größe. Voller Wut gab er dem toten Keiler einen Fußtritt und verletzte sich dabei an einem Hauer. Fünf Tage später starb der Oberjägermeister an einer Blutvergiftung. Fazit: Streckenlegung mit tödlichem Ende. Keilers Rache und Jägers Tod.

Bild 2Weiter geht es zur Färbergasse, die Zeugnis dafür ist, dass in Büdingen Färber ihrem Handwerk nachgingen. Färber war ein anspruchsvoller Beruf, den man in einer langen Lehrzeit von bis zu 6 Jahren erlernen konnte. Als Farbquellen wurden Pflanzen, Hölzer, Safran, Färberwaid [in Europa als Färberpflanze kultiviert] oder auch die Indigopflanze genutzt. Als Beizstoffe wurde neben Alaun u.a. auch Urin verwendet. Woher also in Büdingen den Urin in größeren Mengen nehmen? Überliefert ist, dass Urin in Gaststätten gesammelt wurde. Trinkt, trinkt, trinkt. Je mehr getrunken wurde, desto mehr Urin. Die „Urinsammler“ tranken auch und öfter über den Durst. Als es dann montags ans Färben gehen sollte, so waren viele blau, also besoffen. Daher wurde also das Wegbleiben vom Arbeitsplatz mit der Redensart: Ich mache blau in Verbindung gebracht. An Häuserecken sind Radabweiser sog. Prellsteine platziert. Dies war notwendig, denn die Straßen waren eng und die Kutschen nur eingeschränkt manövrierfähig, sodass sie an Häuserecken mit den Radnarben hängen bleiben konnten. Um die Häuser gegen Beschädigungen zu schützen wurden diese Schutzsteine platziert, an denen die Radnarben abrutschten.

Zur Marienkirche auf dem Schloßplatz ist es nur ein kurzer Weg. Glockengeläut dröhnt von oben herab und vermittelt ein heimisches Gefühl. Wir konzentrieren uns auf die Schilderungen unseres Stadtführers, der uns auf die großen Wetzrillen, auch Teufelskrallen genannt, an den Kirchenmauern aufmerksam macht. Wer oder was hat diese dort reingekratzt? Hierzu wird Sagenhaftes wird erzählt: Der Organist in der Marienkirche war nicht begabt und spielte nicht gut. Eines Tages erschien ihm der Teufel. Er bot ihm an, ihn zu einem guten Orgelspieler zu machen, wenn er ihm seine Seele verkaufen würde. Er wolle dann in einem Jahr zurückkommen und die Seele abholen. Der Organist willigte ein und hatte augenblicklich eine außergewöhnliche Begabung, die ihm zu einem hervorragenden Orgelspieler machte. Die Kirchenbesucher waren begeistert von der Musik seines Orgelspiels, dass nur noch er wahrgenommen wurde und die Predigten des Pfarrers an Bedeutung verloren, so schön waren die Orgelklänge. Fast vergessen war der Handel mit dem Teufel, der aber kam nach einem Jahr und forderte die Seele des Organisten. Dieser wollte sie ihm nicht geben und floh in die Kirche. Da die Kirche heiliger Boden ist, konnte der Teufel ihm nicht folgen. Seine Wut ließ er an der Außenwand mit den Pfeilern aus.

Oder: Kräuterfrauen rieben nachts bei Mondlicht Kräuterpflanzen an den Wetzrillen und trennten dadurch Stängel und Geäst von den heilwirkenden Blüten. Im Mondlicht deshalb, weil es Nacht war und nur der Vollmond als Lichtquelle genutzt werden konnte. Tagsüber konnten die Kräuterfrauen diese Arbeit nicht machen, denn erkannt zu werden war lebensgefährlich.

Oder: Ein Drache holte sich jede Woche eine Jungfrau ab oder forderte sie ein, um sie zu verspeisen. Um Unheil zu vermeiden, ließen es die Bürger geschehen und kamen der Forderung des Drachen nach. Irgendwann gab es aber keine Jungfrauen mehr und der Drachen konnte nicht zufriedengestellt werden. Er ließ seine Wut an den Pfeilern und dem Gemäuer der Kirche aus.

Des Weges weiter auf Kopfsteinpflaster in engen Gassen am Treppenturm - mit Halt und der Erläuterung hierzu: Der einzige Turm mit einer Hausnummer: 6. In der Erbsengasse hören wir, dass es das Viertel der Prostitution war, in dem Frauen mit gelben Accessoires auf sich aufmerksam machten und signalisierten, dass sie für käufliche Liebe bereit waren.

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Es geht weiter zum Großen Bollwerk, das auch Dicker Turm genannt wird und das ein Teil der Stadtbefestigung ist mit seiner teilweise über 4 Metern dicken Wandung und einer Grundfläche von 17 Metern Durchmesser. Im Innern befinden sich Geschützstellungen für 4 Geschütze. Die oberen Etagen – hölzerne Zwischendecken - sind durch einen Treppenaufgang zu erreichen. Der unmittelbar neben dem Bollwerk stehende Hexenturm auch Teufelsthron genannt, ist durch Kasematten zu erreichen. Frauen die, in welcher Weise auch immer – rote Haare sollen schon als Merkmal für eine Hexe gereicht haben - auffällig wurden, sind in den Hexenturm verbracht worden und lebendig dort nicht mehr rausgekommen. Wie überliefert sind sie nach sogenannten „peinlichen“ Verhören zum Tode verurteilt worden – Galgen oder Verbrennen.

Letzte Station ist das Wahrzeichen von Büdingen, das Jerusalemer Tor, dem Stadttor und Zugang zur Altstadt. Zur Namensgebung sei hier geschildert: Eine Theorie, die als am wahrscheinlichsten erachtet wird ist: Der Name des heutigen Wahrzeichen Büdingens kam im frühen 18. Jahrhundert auf, als man vor der Mauer religiös Verfolgte in eigens für sie errichteten Fachwerkhäusern ansiedelte. Kein Wunder, dass den Gläubigen der Ort wie ein himmlisches Jerusalem auf Erden erschien. Seine Pforte tauften sie nach der heiligen Stadt Jerusalem. Quelle: Touristikinformationen Büdingen.

Ein spannender und abwechslungsreicher Rundgang mit unserem kundigen Stadtführer endete hier - mittelalterliche Faszination mit Nachdenkpotential. Danach Gemütliches Beisammensein im Restaurant Al Giardino „Zum Stern“ in der Altstadt. Heimfahrt individuell.

Alexander Bernhardt

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